Was kommt nach Lebenslänglich?

Vor 6, 7 Jahren hörte ich eine Highendjournalistin mit einer Jura-Professorin darüber plaudern, dass die Justiz weiblicher, emotionaler werden müsse – Urteile nach Bauchgefühl. Dass der Bauch der Ort der Vorurteilsentstehung und -bestätigung ist, wird ebenso übersehen, wie dass eine emotionsgeleitete Justiz die Aufhebung rechtsstaatlicher Bemühungen bedeutet, indem kodifiziertes Recht (z)ersetzt wird durch das momentane Empfinden der Einzelnen und der Masse. Das Resultat wäre letztendlich Willkür mit gefährlicher Nähe und Offenheit zur Mobjustiz. Sehr abstoßend konnte das schon beim Heldenprozess Brunner 2010 beobachtet werden. Ein rechtschaffener Bürger mittleren Alters erliegt einem Herzanfall, während seiner gewalttätigen Erziehungsmaßnahme einem jugendlichen Schläger gegenüber mit dem Ergebnis, dass der Junge wegen Mordes fast zur Höchststrafe verurteilt wurde. Schon damals fanden es „alle“ toll. Der normale Mensch braucht ebenso sehr Objekte der Verherrlichung wie Sündenböcke. In solchen Bauchprozessen drückt sich das mustergültig aus und das Establishment vereint sich zur Masse. Endlich wird das Komplexe wieder auch offiziell einfach gemacht. Und dass der Täter, pardon das Opfer, selbst eine unreflektierte aus dem Bauch handelnde Person war machte ihn, wie die Heute-Moderatorin so ungeniert entlarvend feststellte, „so schön menschlich“. Ob die örtliche Schule dann tatsächlich nach diesem Brunner benannt wurde, habe ich nicht mehr mitbekommen. Das Fass des Medienekels war für mich voll, seit Frühjahr 2011 ist TV erneut abgeschafft und erstmalig auch Radio; mittlerweile gilt es jedoch für höchst verpönt den Medien durchweg negativ gegenüberzustehen: Nazi! oder bei sich „differenziert“ gebenden: Querfrontler! schallt es wie aus einem Mund. Nichts hat sich nachhaltig gebessert nach dem verheerenden, dann aber auch kurzzeitig trügerisch lehrsam scheinenden 20. Jahrhundert. Ein mauer Moment des allgemeinen Innehaltens, sich zaghaft umschauend, ob man tatsächlich nochmal davon gekommen ist und schon ist die Masse wieder da mit neuen Lügen, die mit neuen Tabus und Totschlagsphrasen bewehrt sind, im alten Spiel Jagd den Sündenbock. Wieder wähnt sich die Menge als die Guten, da sie doch nicht mehr den alten, längst verbotenen Lügen huldigt, sondern wie eh&je den grad an- und vorgesagten im modischen Zeitgeistgewand. Nichts hat sich geändert, wie eine brachliegende Website, in der eine implementierte Vorlage gelegentlich zentral automatisch aktualisiert wird und der Site eine neue Ansicht beschert – und doch ist sie ganz dieselbe geblieben.

Wie ich dieser Tage zufällig einer Schlagzeile entnehmen musste ist die Irrationalisierung der Welt auch im allgemeinen Justizbereich weiter fortgeschritten: Während eine Frau etwa, die serienmäßig über Jahre hinweg Kinder ermordet, zum Opfer erklärt mit wenigen Jahren wegen Totschlags davonkommt, wurden nun zwei zu Mördern gemachte Männer zu lebenslang verurteilt wegen einer tödlichen Raserei: Höchststrafe! Es gibt in Deutschland kein höheres Strafmaß. Und wie ich am nächsten Tag aus der nächsten rumliegenden Schlagzeile erfuhr, wird das historische Urteil von der Politik einhellig begrüßt – auch hier offenbar wie aus einem Mund, dem Mund der Einheitsmeinugsgesellschaft.

Das ist kollektive Rechtsbeugung – nein ich bin kein Jurist und ob Rechtsbeugung der richtige Begriff ist, weiß ich auch nicht, aber ich weiß es ist zunehmend himmelschreiendes Unrecht was auch in deutschen Gerichtsälen verurteilt wird, und illegal ist es auch. Ach, das kann ich nicht beurteilen? Komisch, im Nachhinein wird das stets anders gesehen, da weiß heute jeder, dass die Justiz ferner Zeiten und ferner Länder juristisch-rabulistisch wohl begründet Unrecht sprach und selbst die geltenden Gesetze brach, aber im Hier&Jetzt sind die Staatsjuristen in Justiz und Hochschulen natürlich über jeden Verdacht erhaben, obwohl sie sich mittlerweile brüsten ihren Vor-Vorgängern, wie sie selbst Richter oder Professoren der Bundesrepublik, genau das vorzuwerfen was ihnen selbst vorzuwerfen ist, nämlich verfassungswidrige Urteile und Kommentare abgegeben zu haben. Beide Generationen gleichermaßen befangen im Sinne des herrschenden Zeitgeistes. Die Richter der Adenauerzeit sind exakt dieselben wie die jungen Gender-, Opferabo- und Nulltoleranzrichter des Jetzt‘ – nur die Zeitgeistvorlage wurde zentral geändert. Zu den bedeutendsten Aufgaben der staatlich besoldeten Juristen, dazu zählen letztendlich auch Freiberufler, gehört in der bürgerlichen Welt in historischer Ergänzung oder Ablösung der Staatspriester bestehendes Unrecht für rechtens zu erklären, bestehende Ungerechtigkeit für gerecht. Das war immer und überall so, mal mehr mal weniger, außer natürlich stets aufs Neue im Hier&Jetzt: Völlig klar, wer heutige deutsche Juristen für falsch und befangen hält ist ein Verbrecher oder ein Troll, ein Nazi oder ein Reichsbürger, schallt es grade von Leuten, die sich für Links und inklusionistisch halten wollen – aber solche Trolle, die der Einheitsmeinung nicht frönen wollen, müssen draußen bleiben aus der inklusionistischen Gesellschaft und rein in die Knäste und Klapsen. Es ist nur eine Frage kurzer Zeit, wann in Deutschland und der EU die Todesstrafe (wieder)kommt, denn spätestens nach dem „historischen Urteil“ dieser Tage fehlt es nach oben hin an der Strafskala gewaltig zur angemessenen Eskalation oder sind Raser jetzt die „Allerschlimmsten“? Ich höre schon die vollmundigen Bekenntnisse aus aller Parteien, aller Medien Einheitsmund gegen, ja aber sicher gegen die Todesstrafe: „Selbstverständlich stehe ich auf gegen die Todesstrafe, außer natürlich bei x-men, y-men und z-men – versteht doch jede von selbst, meine Damen!“

Ach noch was: Da fällt mir grad eine vorbeigegangene Schlagzeile aus dem (vor-) vergangenen Jahr ein, als eine Altgrüne wohl im Jahrhundert verpeilt tatsächlich eine Rechtfertigung für einen gezielten polizeilichen Todesschuss gegen einen männlichen Mörder verlangte, als ob Menschenrechte auch für solche Mörder gälten: hä, hä! Tja, per definitionem sind Menschenrechte unveräußerlich und die Würde des schlimmsten Täters ist exakt dieselbe in Quantität und Qualität wie die des bedauernswertesten Opfers – wobei die Einschätzung wer als Schlimmster und wer als Ärmste gilt sehr der Mode unterliegt – doch leider will niemand die Menschenrechte anerkennen, denn dann gäbe es weder Sündenböcke noch Heroen, niemanden zum Verachten und niemanden zum Verklären. – Bei der Grünen am Anfang des Endabschnitts gehe ich von einem vielleicht durch psychotrope Substanzen oder auch bloß gefühlten Stress bewirkten momentanen Atavismus aus, der die Kommentarreflexe eines Grünen-Politikers der 1980er Jahre nochmals hervorlockte. Jedenfalls dürfte es die einzige vernünftige Äußerung einer Grünen seit meinen späten Kindertagen oder dem frühen (Frei-)Tod Petra Kellys gewesen sein.

Und was bleibt als letzter Hoffnungshalm? Mitte der 1980er Jahre schien die Berliner Mauer auch noch unumstößlich in Stein gemeißelt…

Advertisements

Kommentar?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s