Selber schuld!

Neulich in der Apotheke. Die Kundin vor mir im ausufernden Gespräch.[1] Auf dem Tresen ein Werbedisplay: Schlaflosigkeit kann viele Ursachen haben. Es wird uns ein Mann präsentiert und ein fetttriefender Hamburger; wer’s nicht versteht, kriegt’s auch schriftlich: Falsch Essen kann ein Grund sein. Der nächste Schlaflose lümmelt sich fett&feist schnarchend aufm Sofa, androphobe Klischees in ähnlich grotesk verzerrter Weise transportiert wie weiland antisemitische; Schnarchen kann auch ein Grund sein, wird uns mitgeteilt. Ganz anders der dritte Gepeinigte: Eine armtolle Frau von Gram gebeugt, sich heldenhaft-hilflos den Kopf greifend, doch das Leid nicht abwerfen könnend; wir erfahren, auch Sorgen, Kummer und Nöte können schlafraubend sein. (vgl. Opferabo auf Staatskosten) Und so geht’s von der Wiege bis zur Bahre: wLeute sind niemals ihre Probleme selber schuld – mLeute hingegen stets, quasi zum Gleichgewicht von Innen und Außen: externale Kausalattribution bei Frauen, internale bei Männern (und Jungen). Bei Frauen sind’s halt die Verhältnisse, bei Männern das eigene Verhalten, aber das natürlich nur im Negativen. Geht oder ist etwas gut, dann hat mann natürlich bloß Dusel gehabt oder die unvermeidlich „starke“ Frau hat’s im Hintergrund geregelt (s. Das Agrippina-Phänomen). Wann immer ein Mann oder auch Junge ansetzen mag einen Misserfolg (teilweise) mit äußeren Faktoren zu erklären, wird reflexmäßig in der Art mustergültiger Vorurteile, die sich dementsprechend durch keinerlei Fakten beirren lassen, im Chor ausgerufen „Was für eine billige Ausrede!“ – zuletzt las ich sogar von jemandem der meinte eine Fußballmannschaft, der Männer bezüglich der WM 2002, müsse auch gegen den Schiedsrichter gewinnen können: Das ist letztendlich schlicht unmöglich. Auf Frauenfußball wird diese Hardcore-Variante der menschlichen Hybris man sei allein seines Glückes und Lebens Schmied gendergerecht nicht übertragen; es sei an die deutschen Fußballversagerinnen der FrauenWM 2011 erinnert, die mit größter Klappe und Logikvergessenheit im Vorfeld schon so laut tönten, dritte Plätze seien nur was für Männer, dass selbst der dauerschläfrige Fußballgott blitzwütend erwachte und sie bereits in der Vorrunde rausdonnerten, während besagte Männer bei nächster Gelegenheit triumphal Weltmeister wurden – nicht aber wohlverdienter Hohn&Spott waren die Folge, sondern weinerliches Bedauern vermischt gar noch mit grotesker Beweihräucherung![2]

Ganz gleich wie offensichtlich der Fehler bei einer Frau liegt, überall, nicht nur im Privaten, wird es mittlerweile als selbstverständlich angesehen, dass der nächststehende Mann sich mit fremden Fehlern schmückend die Schuld auf sich nimmt oder mindestens den weiblichen Fehler ignoriert.[3] Wenn etwa eine Arzthelferin nicht sauber die Vene trifft, dann ist mein erster Gedanke, dass meine guten Venen über Nacht spröde geworden sein mögen oder ein plötzliches, unbemerktes Zucken meinen Arm erzittern ließ. Wenn Männer eine innovative und sensationell erfolgreiche Enzyklopädie oder Partei in unermüdlichem Ehrenamt aus dem Nichts erschaffen, dann rühmen sie sich dessen nicht, sondern lassen sich klaglos als „Sexisten“ beschimpfen, das Resultat ihrer Kreativität demütig ‚den Frauen‘ übergebend – natürlich erst wenn es sich lohnt und der Laden läuft – in Gestalt der Piratenpartei führte dies zu viel Medienfutter und den rapiden Sturz zurück in die Bedeutungslosigkeit; in Gestalt der Wikipedia ist der Prozess auf Grund der eigentümlichen Strukturen dort etwas schwerfälliger – während hingegen die Eigentümlichkeiten der PP die Übernahme erleichterten.

Aber auch hier wird die Sicht der meisten, ja aller Männer durch die klassische Kopplung von Kavaliers- und Konkurrenzreflexen getrübt – es scheint ja stets nur den Nebenmann zu treffen. Und so sollte man einer Frau ihre Fehler nur vorhalten, wenn kein Mann in Hörweite, weil ansonsten es eh nur wieder ein überflüssiger Kavalierskonflikt wird…


[1] Soll ich da etwa ein Geschlechtsstereotyp unterschwellig bedienen? Tatsächlich: Überall „Sexismus“. Nicht dass dieses Stereotyp von Politik&Medien unverwendet bliebe, aber natürlich nur positiv als überlegene Kommunikativität. Fazit: Offensichtlich plappern Frauen mehr – und das kann auch negativ gesehen werden – darf aber nicht. Zudem nehmen sich Mitarbeiter von Apotheken und Arztpraxen für weibliche Kundschaft auch mehr Zeit…


[2] Für das Überwinden problematischer Lebenslagen hat es sich als günstig erwiesen, wenn der Jetztzustand vom Betroffenen external kausalattribuiert wird, die weitere Entwicklung jedoch internal; platt ausgedrückt: Dass es so mies ist, wie es ist, bin ich nicht schuld – dass es ab jetzt gut wird, liegt ganz in meiner Hand. Das ist eine der vielen Alltagsschizophrenien in denen der Mensch befangen ist, umso mehr je größer seine „soziale Intelligenz“.


[3] Da das Gros der jungen Männer mittlerweile einen vegetativen Schuldaufsichnehm-Reflex hat, profitiere selbst ich zuweilen vom Weiberwahn: Zuletzt habe ich zweimal kurz hintereinander auf dem Bürgersteig mit dem Fahrrad, es schiebend manövrierend, jeweils so einen netten Pseudobartträger 100%-schuldhaft hart an der Schmerz- und Verletzungsgrenze angestoßen. In beiden Fällen entschuldigten sich die sich als „Schmerzensmänner“ verhöhnen Lassenden vorbildlichst und vergewisserten sich rührigst, dass ihre Knochen meinem Fahrrad keinen Schaden zugefügt hätten. Erst war ich amüsiert, dann erzürnt auf deren Erzieherinnen und schließlich resigniert: üblicher Dreiklang.

Grammatik- und Zeichenfehler neu verteilt: 091216

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