Und wieder grüßt die Lohnlüge

Offenbar war wieder Lohnlügentag. Jedenfalls musste ich einem rumgammelnden Exemplar der örtlichen Einheitspresse die Titelblatt-Schlagzeile: „Frauen immer noch benachteiligt“ entnehmen mit dem üblichen Sammelsurium aus Falschheiten, Verschwiegenem und Suggestionen in der folgenden Letterntüte. Derartig wird es gestern überall in der Republik in der gesamten freien Massenmedienmasse in pluralistischer Einstimmigkeit sowie einfältiger Vielfalt oder auch andersrum zu lesen, hören und sehen gewesen sein.

Wieder kalt erwischt! Zumal die Lohnlüge mich zuletzt wohl erst Mitte März erreichte und tatsächlich waren es vor dem Komma zwei Prozentpunkte weniger, also eine Senkung von knapp 10% – dies blieb in meinem Provinzblättchen unerwähnt und wo dergleichen erwähnt wird, es gewöhnlich allen ernstes als eine Senkung um 2% verkauft wird. Selbst solche gravierenden handwerklichen Fehler werden meist übersehen in der Akademikerrepublik, mann will ja kein Pedant oder gar „Spießer“ sein. Aber das sind nur die Propaganda-Peanuts auf dem Weg von der Schweigespirale zum selbst auferlegten Denkverbot.

Gravierender ist da schon der Punkt, dass eine Ungleichheit generell unbesehen als Folge von Diskriminierung betrachtet wird – sofern sie nachteilig für Frauen ist versteht sich; im umgekehrten Fall bei den staatlich forciert wachsenden Gender-Gaps zu Ungunsten vom 4096.[1] Geschlecht „natürlich“ nicht. Nach 40 Jahren einseitiger Frauen- und Mädchenförderung, 30 Jahren Frauenquoten und 20 Jahren Gender-Mainstreaming eine längst ad absurdum geführte Voreinstellung in einer gesellschaftlichen Atmosphäre allgemein-androphober Weibsverherrlichung. Richtig übel wird es im konkreten Fall der Lohnlüge, dass bei der Präsentation der Zahlen durch das statistische Bundesamt zunächst noch ausdrücklich darauf hingewiesen wurde, dass die bereinigte Lohndifferenz nicht auf Diskriminierung zurückzuführen sein muss, da man nicht alle möglichen Ursachen untersuchen konnte – die mitschwingende Frage nach dem „Warum?“ blieb unbeantwortet. Wobei selbstverständlich – auf der Grundlage erkannter Prämissen gibt es durchaus Selbstverständliches – auch die beste Untersuchung nicht zwangsläufig alles abdecken und zudem höchstens den momentanen Stand der Wissenschaft (annähernd) erreichen kann. Aber von solchen fast optimalen Bedingungen war die Untersuchung hier sicherlich nicht zufällig weit entfernt. Politischer Wille war eine möglichst große Kluft; und Wissenschaft zeigt sich leider meist sehr willfährig gegenüber mächtigem politischen Willen, zumal der Wald- und Wiesen-Wissenschaftler von Profession und nicht Berufung zuvörderst nicht Kind der ewig freien Künste und der Alma Mater ist, sondern Kind seines ephemeren Zeitgeistes. Doch irgendwo im Bundesamt für Statistik war noch ein Freigeist oder auch nur jemand der im akademischen Elfenbeinturm „den Schuss der Zeit“ noch nicht gehört, der diese kleine missliebige, eigentlich aber völlig überflüssige Anmerkung von der Nicht-Identität von Ungleichheit und Benachteiligung in den die Ergebnisse einleitenden Text unterbrachte. Aber die Frauenbeauftragten (in uns) schlafen nie und so verschwand von der Öffentlichkeit unbemerkt um 2013/14 herum dieses entlarvende Sätzelchen. Das ist Zensur. Die freien Künste wieder mal in Ketten legend, zum Verrichtungsgehilfen der herrschenden Ideologie degradierend. Und wohl einiges Schlimme mehr, doch um dies zu beurteilen müssten die Abläufe bekannt sein. Vermutlich waren sie ganz unspektakulär: umso schlimmer. – Aber wie wir ja wissen, gibt es Zensur nur bei den Bösen.

Doch auch ohne Wissenschaft kann ein Jeder, der Wissen will aus Reflexionen zur gesellschaftlichen Realität deduzieren, wie es sich um die Entstehung der Lohndifferenz verhält. Von Frauendiskriminierung auszugehen ist wie bereits angeschnitten bei der lang schon herrschenden „Hypersensibilität“ für weibliche Be- und Empfindlichkeiten von vornherein recht abwegig. Wer dann noch die deutlichen Unterschiede bei der Prioritätensetzung im Leben allgemein und der Präferenz für Familie bzw. Beruf je nach Geschlecht sieht und all die Männer, die sich buchstäblich zu Tode schuften, kann kaum noch am Grund für die Lohndifferenz zweifeln: Männer arbeiten härter: unsagbar: unsägliches Tabu. Viele Männer scheinen tatsächlich nur ihrer Arbeit wegen zu leben; und jetzt wird ihnen auch noch vorgeworfen dadurch etwas mehr (das sind die 7%) zu verdienen. Ganz ähnlich wie bei der von Männern aus dem Nichts aufgebauten und zu Erfolg geführten Piraten-Partei, die sich dies dann auch noch vorwerfen und die Früchte ihrer Arbeit schuldbewusst(!) abnehmen ließen – bei der Wikipedia sind ganz ähnliche Prozesse im Gang.

Schließlich sei noch an die allgemeine äußere, von fast allen aber auch verinnerlichten Maxime erinnert: Männer müssen arbeiten – Frauen müssen arbeiten dürfen. Der Mann muss ja auch weiter die Zeche zahlen, ganz gleich wer was verdient. Im FAQ aller(?) Dating-Agenturen wird es als unverzeihliches „NoGo“ dargestellt, wenn der Mann nicht die ganze Rechnung übernimmt. Er darf aber nach einigen Zicken-Zechen untertänigst in Art eines persönlichen Mangels darauf hinweisen, die gefräßige Völlerei seiner Begleiterin übersteige sein Budget, wie ich es auf einer entsprechenden Topsite kürzlich mal gelesen: Hoffnungslos solch eklatante Verlogenheit allenthalben und weiterhin beschleunigt ansteigend…

Doch damit immer noch nicht genug: Wie in den meisten Fällen ist auch hier die Propagandalüge nicht nur falsch, sondern allenfalls das Gegenteil richtig und auch dies wieder mal in einem Zusammenspiel aus alt und neu, nach Altvätersitte im Neumüttermythos: Weiterhin verdienen Frauen in der Schnorrerbranche deutlich bis vielfach mehr, ob jetzt die am Straßenrand hockende Säuferin oder ihre Schwester nebenan in der Außengastronomie als Trinkgeldmagnet; und nein! sie müssen dies nicht teuer bezahlen, sondern auch hier ist die Realität (längst) umgekehrt: Gewalt gegen Schnorrer, Obdachlose&Co trifft weiterhin fast nur Männer, während Unflätigkeiten mittlerweile auch mehr ihn treffen, aber Empathie&Hilfe ganz ihr gehören für zunehmend gefühlte Gefährdungen, derweil er tatsächliches Gewalterfahren klaglos hinzunehmen hat. Aber dieser Tip-Gap wird gar nicht erst als Lohndiskriminierung wahrgenommen, geradezu grotesk erschiene es den meisten dies zu verkünden. Doch auch hier reicht wieder ein einfacher Geschlechtertausch: Bekämen Männer mehr Trinkgelder und Spenden gäbe es sofort eine konzertierte Awareness-Aktion der unvermeidlichen Genderdrillinge Staat/Massenmedien/“Zivilgesellschaft“ und bis diese die gewünschte Wirkung zeitigte, gäbe es selbstverständlich staatlich verordneten Nachteilsausgleich: Scharen von Streetworkern auf der verzweifelten Suche nach den wenigen weiblichen Obdachlosen, um sich von ihnen erfolgreich anschnorren zu lassen, wären die Folge: klassische win-win-Situation. Aber nicht nur dieses alte Privileg ist hier einschlägig, sondern dazu gesellt sich mittlerweile im Zuge der Lohnlüge weitergehende, hausgemachte Lohndiskriminierung, aber ’natürlich‘ von Männern. Bekannt sind da die Headhunter die real noch verzweifelter als die fiktiven Streetworker Frauen fürs Management suchen und nach den banalen Regeln von Angebot und Nachfrage schon mäßigen Mittelklasse-Managern (w) maßlose Spitzengehälter in Aussicht stellen können und dies ist nur die Spitze des Eisberges: Kaum ein Unternehmen kann und meistens leider auch will sich leisten, wegen angeblicher Lohndiskriminierung an den Pranger gestellt zu werden und dem ist nur durch eine deutliche Überbezahlung eindeutig zu entgehen: Eine Entwicklung die vielleicht noch in den Kinderschuhen steckt, aber gewiss schon am Laufen ist.

Abschließend in dem Kontext noch ein paar Worte zu einem Nebenmythos des Märchen von der Lohnlüge in den Mysterien der Opferabo-Ideologie: Klassische Frauenberufe werden nicht durchweg schlechter bezahlt. Erzieher und Co werden im öffentlichen Dienst genau so bezahlt wie andere Berufe im jeweiligen Ausbildungsniveau. Grundschullehramt wird hingegen sogar übermäßig bezahlt, da es inhaltlich völlig verkehrt als Universitätsabschluss gilt. Möglicherweise ein gewollter Fehler im Zuge der Auflösung der Pädagogischen Hochschulen in den 1970er Jahren bei prall gefüllten Staatskassen. In meinen Studienzeiten, die bis in das laufende Jahrhundert noch hineinragten, war ein Studium der Primarstufe mit sechs Semestern kürzer noch als ein FH-Studiengang (≈Bachelor) und inhaltlich soll nur die Matheprüfung von Gefahr gewesen und die lag – wie ich mich mit fachkundigem Blick überzeugte – höchstens, ja allerhöchstens auf Grundkursniveau: Wie es dann trotzdem zu einer recht hohen Durchfallquote kommen konnte ist eine ebenso interessante wie zu tabuisierende Frage. Zwischenzeitlich ist dies Dilemma wohl längst gelöst durch eine Fortführung der mädchenfördernden Kuschelnoten der Schule in der Uni (vgl. Eignungstest Medak Wien). Und doch sind es jetzt, wie ich im kleinen Kasten neben dem großen Lohnlügen-Artikel las, ausgerechnet die Grundschullehrerinnen, die noch mehr haben wollen und sicherlich auch bekommen werden. Und so müsste der nächste Lohnlügen-Tag bei seriöser Berechnung vielleicht schon im Advent begangen werden. – Und weg damit! Nachdem heute das „heute“ im Text schon zu gestern wurde, soll es morgen nicht vorgestern sein. Wobei mein Blick auch heute wieder über eine Rumgammel-Zeitung stolperte, der ich entnehmen konnte, dass es letztes Jahr zwei besonders große Streiks gab, die in Geschlecht und Erfolg gleichermaßen entgegengesetzt waren: Während die Erzieherinnen ein fettes Plus erzielten und trotzdem wohl unverschämt feist noch von einer exklusiven Sondereingruppierung maulen (nach oben!), wurden das Gros der Zusteller nicht mal auf Mindeststandards angeglichen. Wie meinte der Autor (m) des Initial-Artikels noch? „Frauen werden immer noch benachteiligt“ – im Vergleich zu diesen Kavalieren, die ihre nach Lettern lechzenden Lügen ©  sicherlich glauben, war der letzte Chevalier, Don Quichotte, geradezu von erschreckender Realitätsbindung. Ein polyglottes Fuckoff for Fin!


[1] . Laut UN-Expertin waren 2013 bereits 4096 Geschlechter identifiziert und klassifiziert – im Ernst: keine Lachnummer im Kabarett, sondern staatlich anerkanntes High-End-Expertentum in der heiligen Tagesschau – 4095 davon sind gut, das andere ist zu dekonstruieren: brave new world.

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